Freitag, 6. November 2020

Intensive Infights um den Titel garantiert – Rast versus Müller beim DTM-Finale in Hockenheim

  • Titelverteidiger im Vorteil: René Rast (Audi) startet als Favorit in den finalen Titelkampf
  • Herausforderer im Angriffsmodus: Rasts Audi-Markenkollege Nico Müller hat nichts zu verlieren
  • Außenseiter mit Chancen: Robin Frijns das Zünglein an der Waage

Audi-Trio: Nico Müller (SUI), René Rast (GER), Robin Frijns (NED)
Foto: dtm.com

Die abschließenden zwei Runden im Titelkampf sind eingeläutet: Hockenheim bereitet am kommenden Wochenende (06.–08. November) der DTM und den Titel-Antagonisten die Bühne zum ultimativen Showdown. In der rot-weißen Ecke: René Rast (GER, Audi), Titelverteidiger und Tabellenführer. In der grün-weißen Ecke: Nico Müller (SUI, Audi), Herausforderer und Tabellenzweiter. Und da ist noch Robin Frijns (NED, Audi), der rechnerisch ebenfalls Champion werden könnte. Eine Vorhersage wagen? Möglich, aber sinnlos – denn an überraschenden Wendungen mangelt es der 2020er-Saison der DTM wahrlich nicht. Und so dürfen sich die TV-Zuschauer auf sportlich herausragende Final-Rennen, spektakuläre Duelle und packende Action (Samstag und Sonntag jeweils ab 13:00 Uhr live bei TV-Partner SAT.1) freuen.

If in doubt … – für Müller und Frijns zählen nur Vollgas und Top-Platzierungen

Zwei, die nichts zu verlieren haben: Für die beiden Teamkollegen vom Audi Sport Team Abt Sportsline, Nico Müller und Robin Frijns gilt als Marschrichtung eine der ewigen Motorsport-Weisheiten: „If in doubt – flat out“ (= „Im Zweifel Vollgas“). Denn ihre Ausgangslage ist simpel: Beide müssen im großen Stil Punkte auf René Rast gutmachen, um das Blatt auf der Zielgeraden der Saison noch einmal zu wenden. Müller hat 19 Punkte Rückstand, Robin Frijns 41. Maximal zweimal 25 Zähler je Sieg sind noch zu vergeben – drei weitere je Pole-Position. Aus eigener Kraft kann keiner der beiden Kandidaten ausreichend Punkte gutmachen, nur 16 sind bei voller Ausbeute in den beiden Hockenheim-Rennen gegenüber dem theoretisch jeweils Zweitplatzierten maximal möglich. Als Duo jedoch, ließe sich das Blatt durchaus aus eigener Kraft wenden – etwa, wenn die „Äbte“ jeweils die beiden Top-Platzierungen in Qualifyings und Rennen sichern und Nico Müller dabei jeweils den Spitzenplatz einnimmt.

To finish first … – kalkuliertes Risiko das Mittel der Wahl für René Rast

Das heißt im Umkehrschluss auch: René Rast hat die erfolgreiche Titelverteidigung in seinen eigenen Händen. Dazu müsste er „nur“ in beiden Qualifyings und beiden Rennen wenigstens Zweiter werden – dann wäre ihm die große Trophäe nicht mehr zu nehmen, ganz gleichgültig wie die Kontrahenten abschneiden. Dabei sind auf jeden Fall verboten: Fehler, Rückschläge, Ausfälle. Für Rast gilt der eherne Racing-Grundsatz „To finish first, first you have to finish“ (= „Um zu siegen, musst Du erst einmal ins Ziel kommen“). Denn René Rast hat etwas zu verlieren. Dass ein „Worst case“ allerdings eintritt, erschien zuletzt äußerst unwahrscheinlich: Mit zwei unwiderstehlichen Zolder-Rennen verwandelte Rast einen 47-Punkte-Rückstand in einen 19-Punkte-Vorsprung –wenn man so will die vielleicht wichtigste „Route 66“ in Richtung Titelverteidigung. Rast reist mit gestärktem Selbstvertrauen nach Hockenheim. Würde ihm der Titel gelingen, wäre es sein dritter in der DTM. Rast stünde damit auf einer Stufe mit Legende Klaus Ludwig. Nur Bernd Schneider kann mit fünf Titelgewinnen auf mehr verweisen.

Zünglein an der Waage – die Aufsteiger der Saison möchten noch einmal glänzen

Sie sind jüngsten „Newbies“ auf dem DTM-Podium: Robert Kubica (POL, BMW) und Ferdinand Habsburg (AUT, Audi). Zuvor war es anno 2020 Sheldon van der Linde (RSA, BMW), der sich zunächst in Kreis der Top-3-Piloten eintrug, später gar in die Siegerlisten. Sie sind die ersten Kandidaten, die die genannten mathematisch-theoretischen Meisterschafts-Szenarien zu bloßen Rechenbeispielen degradieren könnten – Sheldon van der Linde greift nach Platz vier in der Meisterschaft und möchte so als „Best of the rest“ die Saison abschließen. Für Kubica und Habsburg gilt es, die zuletzt starken Leistungen und Podiumsplatzierungen aus Zolder und den Aufwärtstrend während des DTM-Jahres 2020 zu bestätigen. Gleichzeitig gibt es – eben typisch DTM – ausreichend weitere Kandidaten auf Überraschungen und Achtungserfolge.

Austragungsort Hockenheim: großer strategischer Spielraum für Fahrer und Ingenieure

Zwei Einflüsse geben den Fahrern und Ingenieuren in Hockenheim in ihren Kombinationsmöglichkeiten einen enormen strategischen Spielraum. Mit den kühleren Temperaturen bauen die Hankook-Einheitsreifen während der Rennen weniger stark ab – der Pflichtboxenstopp könnte so zum kreativen Mittel werden, Boden im Rennen gut zu machen und die Konkurrenz zu überraschen. Etwa mit radikalen Strategien, die zum sogenannten Over- oder Under-cut führen, also mit besonders nach hinten herausgezögertem oder enorm früh gelegtem Stopp dem dichten Verkehr zu entgehen – abhängig von der der jeweiligen Position des Fahrers.

Ein anderer Aspekt für strategische Freiheit liegt in dem Typus der Rennstrecke in Hockenheim selbst. Sie erlaubt grundsätzlich zwei unterschiedliche Herangehensweisen an die Fahrzeugabstimmung. Entweder setzt man auf hohen Top-Speed durch weniger oder auf hohe Kurvengeschwindigkeiten durch deutlich mehr aerodynamischen Anpressdruck. Der ebene Asphalt und die flachen Randsteine des Hockenheimrings erlaubt zudem niedrige Bodenfreiheiten der Fahrzeuge. Die Experten erwarten einen Vollgas-Anteil von rund 74 Prozent. Der konzertierte Einsatz der Über- und Aufholhilfen DRS (Drag Reduction System) und PTP (Push-to-pass) wird im Rennen pro Runde mit einem Vorteil von rund sieben Zehntelsekunden geschätzt.

Stimmen – Vorschau, Hockenheim

Sheldon van der Linde, BMW Team RBM

„Bis hierher war es eine gute Saison für uns. Gerade wegen meines persönlichen Highlights – dem Sieg in Assen. Wir haben unsere Klasse gezeigt und waren konstant unter den Top fünf, sechs. Mein Ziel in Hockenheim ist klar Platz vier im Gesamtklassement, der mit einem guten Wochenende in Hockenheim noch in Reichweite ist. Im Titelkampf sehe ich René Rast im Vorteil – er kommt mit vier herausragenden Rennen in Zolder nach Hockenheim, das spricht für sich. Und da Selbstvertrauen für einen Rennfahrer enorm wichtig ist, ist René schwer zu schlagen. Aber: möge der Beste gewinnen.“

Robert Kubica, Orlen Team ART

„Es ist natürlich immer großartig, erstmals auf dem Podium zu stehen wie zuletzt in Zolder. Viele Fans und Unterstützer haben sich mit uns gefreut. Gerade, weil der letzte große Erfolg eine Weile zurückliegt. Aber auch das ist jetzt schon Geschichte. Wir wollen in Hockenheim wieder konkurrenzfähig sein – und das ist keine leichte Aufgabe. Mit Blick auf die Meisterschaft finde ich es schade, dass kein BMW-Fahrer mehr um den Titel kämpft. Aber alle drei verbliebenen Kandidaten hätten die große Trophäe verdient. Ich würde mich freuen, wenn wir wieder erstklassiges Racing erleben würden und natürlich, wenn ich mittendrin wäre. Wenn mich aber jemand fragt, auf wen ich mein Geld setzen würde – es wäre definitiv René Rast.“

Ferdinand Habsburg, WRT Team Audi Sport

„In Zolder haben sich bereits viele Ziele für mich erfüllt: die erste Pole-Position, das erste Podium. Natürlich bleibt da noch etwas auf der Liste, das erreicht werden kann. Sheldon van der Linde hat mir nach seinem Sieg in Assen gesagt, wie sehr der Druck von ihm abgefallen ist und wie danach alles leichter fällt. Ein bisschen davon habe ich in Zolder nach dem ersten Podium auch gespürt. Das gesamte Team ist für Hockenheim noch mehr motiviert als üblich, daran anzuknüpfen. Mein Titelfavorit wäre Robin Frijns. Nach meinem Wechsel in das Audi-Lager habe ich alle drei Kandidaten näher kennengelernt, alle drei sind Spitzenfahrer und hätten den Titel verdient, alle drei sind äußerst nett, extrem fair. Mit Robin habe ich mich im Verlauf des Jahres angefreundet, ihm drücke ich die Daumen.“



Showdown beim Saisonfinale in Oschersleben: Wer holt den Titel?

  • Dreikampf völlig offen: Proczyk führt vor Buri und Dominik Fugel
  • WTCR-Star Tiago Monteiro und Luca Engstler als Gaststarter dabei
  • Marcel Fugel hofft auf Titel in der Honda Junior Challenge

Harald Proczyk (l.) führt die Tabelle an, Dominik Fugel (r.)ist Dritter
Foto: ADAC-Motorsport

Es ist angerichtet, das große Finale der ADAC TCR Germany steht vor der Tür: Wer behält beim Showdown in Oschersleben (6. bis 8. November) die Nerven und holt den Titel? Tabellenführer Harald Proczyk (44, Österreich, HP Racing International), Antti Buri (31, Finnland, Hyundai Team Engstler) und Dominik Fugel (23, Chemnitz, Honda ADAC Sachsen) treten im Dreikampf gegeneinander an. Bei den Saisonrennen 13 und 14 sind zudem zwei Fahrer dabei, die ansonsten in der WTCR für Furore sorgen. Luca Engstler (20, Wiggensbach, Hyundai Team Engstler) steuert das VIP Auto, beim Team Honda ADAC Sachsen ist der ehemalige Formel-1-Fahrer Tiago Monteiro (44, Portugal) am Start. Die Rennen in Oschersleben finden gemäß der geltenden Auflagen ohne die Beteiligung von Zuschauern nach einem vom ADAC GT Masters entwickelten und behördlich genehmigten Hygiene- und Infektionsschutzkonzept statt. SPORT1 überträgt die Rennen der ADAC TCR Germany im TV, online sind sie bei SPORT1.de, YouTube.com/ADAC, adac.de/motorsport und auf der Facebookseite der ADAC TCR Germany zu sehen.

Während seine Herausforderer noch den ersten Titel herbeisehnen, kennt Harald Proczyk das Gefühl bereits, die Meisterschaft zu gewinnen. 2018 triumphierte der Österreicher, 2019 folgte die Vizemeisterschaft - und 2020? Der Hyundai i30 N TCR-Fahrer geht jedenfalls als Spitzenreiter in diese beiden letzten Rennen, sein Vorsprung auf Antti Buri beträgt neun Punkte, 18 Zähler trennen ihn von Dominik Fugel. "Ich freue mich auf das Wochenende und werde wie immer alles geben", sagt der Routinier, der wie Buri und Fugel bereits in Oschersleben einen Rennsieg gefeiert hat.

Proczyk ist kein Freund von Mathematik, aber die Rechnung ist simpel: Wenn er mehr oder nur geringfügig weniger Punkte als seine Verfolger holt, hat er den Titel sicher. Antti Buri und Dominik Fugel geben sich aber längst nicht kampflos geschlagen. Gerade Buri ist in Spitzenform, er kommt im neuen Hyundai i30 N TCR immer besser zurecht und hat zwei der vergangenen drei Rennen gewonnen. Dazu kommt ein zweiter Platz. "Wir sind in einer guten Position, nur wir drei sind noch im Rennen. Es wird intensiv", sagt Buri, der auf "zwei Siege und die Pole Position" hofft. "Ich war mit dem Hyundai noch nicht in Oschersleben, aber grundsätzlich mag ich die Strecke sehr gerne."

Auch Honda Civic TCR-Fahrer Dominik Fugel nimmt die Herausforderung gerne an. "Ich will den Titel unbedingt gewinnen, wir sind noch immer eng zusammen, und die Saison ist erst mit dem letzten Rennen vorbei", sagt der 23-Jährige: "Klar wird es schwierig, aber ich werde alles investieren, um das Blatt noch wenden zu können."

In der Honda Junior Challenge hat ein weiterer Fugel beste Titelchancen. Marcel Fugel (20, Chemnitz, Honda ADAC Sachsen) führt die Nachwuchswertung aktuell an. Nur René Kircher (20, Hünfeld, Volkswagen Team Oettinger) kann Fugel den Titel noch streitig machen. Der VW Golf GTI TCR-Fahrer hat jedoch sieben Punkte Rückstand auf Marcel Fugel und muss auf ein sehr starkes Wochenende hoffen. Der Sieger der Honda Junior Challenge erhält einen neuen Honda Civic.

Unterstützung erhalten die Fugel-Brüder an diesem Wochenende von einem prominenten Gast: Tiago Monteiro, früher in der Formel 1 und aktuell in der FIA WTCR aktiv, steuert einen weiteren Civic TCR für das Team Honda ADAC Sachsen. "Ich freue mich wahnsinnig auf die Herausforderung in der ADAC TCR Germany und fiebere den Rennen bereits entgegen", sagt Monteiro, der 2019 und 2020 an der Seite von Dominik Fugel, Esteban Guerrieri und Markus Oestreich beim ADAC TOTAL 24h Rennen auf dem Nürburgring den Sieg in der TCR-Klasse geholt hatte.

Alle drei Titelkandidaten kämpfen mit ihren Teams übrigens auch noch um den Titel in der Teamwertung. Dort liegt Harald Proczyk gemeinsam mit Jan Seyffert (22, Stuttgart) mit dem Rennstall HP Racing International mit 359 Punkten vorne. Das Hyundai Team Engstler (312) mit der Unterstützung des ehemaligen Vizemeisters Luca Engstler und die Fugel-Brüder für Honda ADAC Sachsen (306) haben aber ebenfalls noch Chancen, die Trophäe abzuräumen.

T3-HRT-Motorsport startet auch 2021 im ADAC GT Masters

  • Rennstall erweitert Programm auf drei Fahrzeuge
  • Auch ADAC GT4 Germany-Engagement wird fortgesetzt
  • Bereits dritter Rennstall, der sich zum ADAC GT Masters 2021 bekennt

T3-HRT-Motorsport, Maximilian Paul, Niels Langeveld
Foto: ADAC-Motorsport

T3-HRT-Motorsport wird auch 2021 im ADAC GT Masters antreten. Damit hat sich ein weiteres Team bereits vorzeitig zum ADAC GT Masters bekannt, das im kommenden Jahr das Prädikat "Internationale Deutsche GT-Meisterschaft" erhält. Das sächsische Team plant sein Programm für die kommende Saison sogar auszubauen und weiterhin auf die Nachwuchsförderung zu setzen.

"Bei uns laufen seit einigen Wochen die Vorbereitungen auf die kommende Saison", so Teamchef Jens Feucht. "Wir können schon jetzt sagen, dass wir weiterhin im ADAC GT Masters antreten werden und unser Engagement sogar vergrößern. Wir planen dann den Einsatz von drei Fahrzeugen."

Für Feucht war das Bekenntnis zum ADAC GT Masters eine logische Entscheidung: "Wir fühlen uns in der Serie sehr wohl. Wir sind im vergangenen Jahr sehr herzlich aufgenommen worden. Bei uns steht auch weiterhin die Nachwuchsförderung im Vordergrund. Im ADAC GT Masters können wir auf dem höchsten Level sehen, wie gut unsere jungen Fahrer bereits sind oder wo noch Potenzial vorhanden ist. Diese Arbeit macht uns sehr viel Spaß und wir wollen diese für die Zukunft noch weiter ausbauen."

T3-HRT-Motorsport bestreitet in diesem Jahr seine zweite Saison im ADAC GT Masters. Während 2019 ein Audi R8 LMS eingesetzt wurde, expandierte das Team für die aktuelle Saison. In der "Liga der Supersportwagen" kommt neben dem Audi R8 LMS auch ein Bentley Continental GT3 zum Einsatz. Zudem tritt das Team erstmals auch in den Partnerserien ADAC GT4 Germany und Porsche Carrera Cup Deutschland an. "In der ADAC GT4 Germany werden wir auch 2021 mindestens ein Fahrzeug einsetzen, vielleicht sogar ein zweites", so Feucht.

Der Rennstall aus Radebeul ist nach dem Team Zakspeed BKK Mobil Oil Racing mit zwei Mercedes-AMG GT3 und dem GRT Grasser Racing Team, das 2021 den Einsatz von vier Lamborghini plant, bereits der dritte Rennstall, der sich frühzeitig für das kommende Jahr zum ADAC GT Masters bekennt.

Drei Fragen an ... René Rast

Renè Rast
Foto: dtm.com

Zum vierten Jahr in Folge fährst Du als Titelanwärter nach Hockenheim. Wie gehst Du an das Finale heran?

René Rast: „Ich werde genauso wie in den vergangenen drei Jahren an das Finale in Hockenheim herangehen, ohne viel Druck und gut vorbereitet. Ich werde wie immer versuchen, das Beste aus unserem Paket herauszuholen. Dabei hoffe ich, dass wir schnell genug sind, um aus eigener Kraft zu gewinnen. Es bringt nichts, sich im Vorhinein zu viele Gedanken zu machen. Ich konzentriere mich auf mein eigenes Ding, auf meine Vorbereitung, auch auf alle Eventualitäten. Und dann hoffe ich, dass es ausreicht.“

Wieder einmal hast Du in der zweiten Saisonhälfte Deine Leistungskurve sehr gesteigert. Was war, Deiner Meinung nach, der ausschlaggebende Grund dafür?

René Rast: „Das ist schwer zu sagen. Bis Zolder war es ein sehr schwieriges Jahr. Im Vergleich zum Abt-Team hatten wir keine wirklich gute Pace und waren nur selten konkurrenzfähig. Ab Zolder waren wir es. Wir haben das Blatt in den vergangenen vier Rennen noch einmal gewendet, von über 40 Punkten Rückstand auf fast 20 Punkte Vorsprung. Woran es liegt, ist schwierig zu sagen, weil wir nur in Zolder gefahren sind. Lag es nur an der Strecke, lag es am neuen Asphalt, an den kalten Temperaturen, an unserem Set-up, das für diese Strecke vielleicht besonders gut war? Es gibt viele offene Fragen. Doch wir waren in der Vergangenheit in Hockenheim immer sehr stark. Ich denke, dass die kalten Temperaturen uns auf jeden Fall helfen werden, denn bei wärmeren Temperaturen waren wir gegenüber Abt eher im Nachteil. Und der Rest sollte auch passen.“

Wie 2019 ist Nico Müller Dein härtester Gegner im Titelkampf. Was sind aus Deiner Sicht seine Stärken und Schwächen?

René Rast: „Seine Stärken sind auf jeden Fall, dass sein Reifenmanagement sehr gut ist, gerade wenn es warm ist, dass er seine Reifen nicht zu hart rannimmt. Ich glaube, dass hat man gerade in diesem Jahr gesehen. Er fährt sehr sauber und kann speziell seine Hinterreifen dabei sehr gut schonen. Seine Schwächen? Das ist schwer zu sagen. Man hat im vergangenen Jahr und auch in diesem Jahr gesehen, dass im letzten Moment, wenn es darauf ankommt, die Performance nicht so da war wie zuvor. Beispielsweise im Vorjahr der Frühstart am Nürburgring, und dann in diesem Jahr in Zolder, wo er ein bisschen gestrauchelt ist. Aber ich kann jetzt nicht sagen, woran das liegt. Vielleicht sind es nur ungünstige Umstände oder Zufälle. Ich würde da eigentlich nicht von einer Schwäche reden, denn so richtige Schwächen hat auch er nicht.“

Titelkandidat René Rast – Motorsport-Malocher

  • Die Antagonisten im Titelkampf – René Rast und Nico Müller im Porträt
  • Showdown in Hockenheim: Duell um den 2020er-DTM-Titel entscheidet sich auf der Zielgeraden der Saison
  • Titel, Thesen, Temperamente: Krimi um die große Trophäe wird zur Frage nach Format, Charakter und Mentalität

Renè Rast
Foto: Jens Hawrda

Hockenheim, 19. April 2004 – die Motorsport-Karriere von René Rast ist beendet. Zu wenig Budget, das falsche Team – an einer der ersten Stufen der klassischen Formel-Sport-Leiter so früh gescheitert, während zeitgleich ein gewisser Sebastian Vettel die Konkurrenz schwindelig siegt. Sebastian Vettels Werdegang wird Motorsport-Geschichte schreiben. René Rasts ebenfalls. Denn René Rast ist der Champion der zweiten Chancen, macht Tourenwagen- statt Formel-Karriere.

Wie eine Schablone ließen sich Rückschläge und das Immer-Wieder-Zurückschlagen über die Karriere des Mindeners legen. Im Großen, Ganzen. Und im vermeintlich Kleinen. Das Jahr 2020 ist wieder so eine typische Rast-Story. Vom 06. bis 08. November 2020 schickt sich René Rast an, den dritten Titel in der DTM zu feiern, startet als Favorit in das Finale, ebenfalls in Hockenheim. Obwohl es im Verlaufe dieser denkwürdigen Saison lange Zeit für seinen unmittelbaren Konkurrenten Nico Müller lief. Der Showdown zwischen den Audi-Piloten: Gesucht wird jenes Mentalitätsmonster mit dem größten Killerinstinkt.

René Rast, der Kämpfer: Aufgeben gilt nicht

Mit dem dritten Titel würde Audi-Werksfahrer René Rast aus dem Audi Sport Team Rosberg mit der Tourenwagen-Legende Klaus Ludwig gleichziehen, nur Bernd Schneider hat mehr Titel gewonnen, deren fünf. Motorsport-Geschichte zu schreiben ist nicht René Rasts vordergründigster Antrieb, schon eher interessieren ihn Statistiken. Dass er mit dem nächsten Sieg sogar Mattias Ekström (SWE) hinter sich lässt, mit dann 24 DTM-Siegen in der ewigen Bestenliste hinter Schneider (43) und Ludwig (37) alleiniger Dritter ist, „das würde mir sehr viel bedeuten“. Der gebürtige Mindener wäre dann der erfolgreichste Audi-Pilot, aber mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass Schneider für seine Siege 236 DTM-Starts absolvierte, Ludwig 219 und Ekström 197. Gerade einmal 74 DTM-Starts zählt Rast, denn 2020 ist erst seine vierte komplette Saison.

René Rast, der Malocher: Akribische Vorbereitung auf das nächste Rennen

„René ist kein einfacher Mensch, eigentlich schwierig“, sagt Dennis Rostek. Er muss es wissen, er ist seit 2005 sein Manager. René Rast, der am 26. Oktober seinen 34. Geburtstag feierte, wird in jedem Fahrerlager in höchstem Maße geschätzt, aber auf manche Leute wirkt er eher etwas kühl, abweisend. Ganz anders dagegen sein Titelwidersacher Nico Müller, der mit seinem sympathischen Lächeln und seinem Schweizer Akzent schnell die Herzen erobert. Der Manager würde sagen, dass „René immer fokussiert ist.“ Dennis Rostek ergänzt: „René ist ein Malocher!“ Und das meint er im besten Sinne des Wortes.

Akribie ist ein Merkmal, das René Rast besonders auszeichnet. „Er arbeitet intensiver als jeder Ingenieur“, so Rostek. An der Rennstrecke und noch mehr zuhause investiert der Rennfahrer Stunden um Stunden in die Analyse und die Vorbereitung. Ganz gleich, wie lange es dauert, er sucht alle möglichen Videos von einem Rennen, einer Rennstrecke. „So viel wie ich finden kann.“ Dann schneidet er sich die relevanten Szenen zusammen, die er sich dann immer und immer wie anschaut. „Wo sind die besten Stellen zum Überholen, die besten Linien zum Verteidigen, die besten Startplätze, wo drohen Strafen.“ All das saugt René Rast in sich auf. „Klar, das ist sehr zeitaufwändig, das kostet extrem viel Zeit“, räumt er ein. Der Erfolg gibt ihm allerdings Recht. „Eigentlich ist dieses Prozedere schon in jeder Rennserie meine Art der Vorbereitung.“ Rast vergräbt sich genauso in die Daten, auch in seine alten Daten. „Man muss auch aus eigenen Fehlern lernen. Wenn ich zum Rennen komme, habe ich einen konkreten Fahrplan.“

Manager Rostek: „René ist kein Naturtalent“

In dieser Intensität ist das eher ungewöhnlich. „Er nutzt diese Basics zu 110 Prozent“, unterstreicht sein Manager. Was Dennis Rostek, der Rast längst zum Partner seiner Firma gemacht hat, dann sagt, klingt weniger charmant: „René ist nicht unbedingt ein Naturtalent.“ Betrachtet man Rasts DTM-Bilanz, so möchte man ihm widersprechen. Was Rostek aber meint ist, dass sein Schützling sich diese Erfolge extrem hart erarbeitet. Ein Malocher eben. „Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Rennfahrern.

Rast ist sofort zur Stelle, wenn Testfahrten anstehen. „Jede Runde zählt. Fahren ist das beste Training“, ist er überzeugt. Während Rast sich mit seiner Video-Leidenschaft akribisch wie kaum ein anderer vorbereitet, kann er es sich leisten, in Sachen Fitness und Ernährung weniger zu tun als andere. „Ich ernähre mich ziemlich normal, ausgewogen, eher vegetarisch, also weniger Fleisch. Ich fahre gerne mit dem Rennrad oder dem E-Mountainbike, das macht mir Spaß. Zu Hause habe ich ein Rudergerät. Ich muss nicht viel machen, um fit zu sein.“ Einen Fitnesstrainer oder gar einen Mentaltrainer sucht man an seiner Seite vergeblich.

Bei drei Sichtungen durchgefallen – und dann alle Lügen gestraft

Vom Kartsport ging es damals in die Formel BMW, doch für den nächsten Schritt in die Formel 3 fehlten Geld und – nach durchwachsener 2004er-Saison nach Zwangspause und Teamwechsel – auch die Reputation. Es folgte 2005, jener besagte Neustart, ein Schritt zurück in den Volkswagen-Polo-Markenpokal. „Tourenwagen-Schule“ statt Formel-Aufstieg. Rast räumte den Titel ab, Rostek wurde auf ihn aufmerksam, schmiedete mit Volkswagen-Sportchef Kris Nissen das VW-Junior-Konzept. Ab 2006 durchlief Rast, nun mit Rostek als Manager, als Volkswagen-Junior die Konzern-Marken, von Volkswagen über Seat zu Porsche und eben zu Audi. Allein im Porsche-Markenpokal erkämpfte er fünf Titel, drei davon im Supercup auf Formel-1-Bühne. Im Audi R8 LMS gewann er seit 2011 die 24-Stunden-Rennen in Daytona, auf dem Nürburgring, in Spa-Francorchamps, teils mehrfach, dazu auch das ADAC-GT-Masters. 2015 stieg er ins Audi-Werksteam auf und fuhr sogar im Audi LMP1 die 24 Stunden von Le Mans.

Nur sein Traum von der DTM, sein ewiger Traum, wollte partout nicht in Erfüllung gehen. 2012 wurde er von Audi erstmals zur Sichtung eingeladen – und für zu langsam befunden. Zwei weitere DTM-Sichtungen folgten, ohne Erfolg. „Das war keine schöne Zeit“, erinnert er sich eher ungern. Dann kam der 16. Juli 2016: ein Anruf, eine Blitzreise nach Zandvoort und seine DTM-Premiere als Ersatz für den verletzten Adrien Tambay. Ein Abenteuer, das den Traum durchaus hätte für immer zerstören können. Rast jedoch nutzte die Gelegenheit, durfte dann sogar in Hockenheim Mattias Ekström ersetzen. Der Rest ist Geschichte: 2017 entriss er Ekström auf den letzten Metern der Saison den Titel, 2018 wurde er Vizemeister, und 2019 setzte er sich gegen Müller durch. Jener Müller, der dieses Jahr ihm alles abverlangt. „Nico fährt eine sehr starke Saison“, so Rast mit einem anerkennenden Nicken, „vor allem im Reifenmanagement ist er stärker. Auch seine Starts waren besser, aber darin habe ich mich deutlich verbessert.“ Rast, der im Zweikampf Vorteile für sich sieht, schätzt seinen ärgsten Konkurrenten, scheint aber etwas zu bedauern, dass Müller „eigentlich keine Schwächen“ hat.

Seit 2016 also lebt René Rast seinen Traum. 2016, das Jahr, in dem Söhnchen Liam geboren wurde, ein Jahr, das vieles veränderte. „Familie war mir immer wichtig.“ Mit seinem Vater, der in der Box immer die Rundenzeiten notiert und analysiert, war er in jungen Jahren schon bei der DTM in Diepholz und bei der Formel 1 am Nürburgring. „Ich habe es immer genossen, nach Hause zu kommen. Wegen Liam ist es mir noch wichtiger geworden“, sagt er und freut sich auf die nächsten Runden mit dem ferngesteuerten Buggy gemeinsam mit Liam im heimischen Garten in Bregenz am Bodensee.

Wehmut vor dem Showdown: „Das sind die geilsten Rennwagen“

Mit den Gedanken an Hockenheim kommt ein Stück Wehmut auf. „Das sind die geilsten Rennwagen, die es derzeit gibt. Das sind reinrassige Rennwagen, mit viel Leistung und mit Down Force, einfach brutal schnell“, schwärmt René Rast von den aktuellen Class-1-Tourenwagen der DTM, deren Zeit in Hockenheim abläuft. „Diese DTM-Autos sind so schnell – in Spa waren wir nur wenige Sekunden langsamer als die LMP1-Monster oder die Formel 2!“

Müller oder Rast – das ist die Frage vor Hockenheim. Rast, der im Herbst von Audi bereits mit einer neuen Herausforderung in der Formel E betraut wurde, ist fokussiert und malocht – für den dritten Titel, für den 24. Sieg, für die Statistik. Und ganz nebenbei schreibt René Rast weiterhin Motorsport-Geschichte.

Ab 2021 startet Rast in der Formel-E-Weltmeisterschaft – seine zweite Chance im Formel-Rennsport.